Nicholas Daley
MODE UND DUFT

IM GESPRÄCH MIT

Nicholas Daley

„Dieser hier stammt aus Gambia, dieser aus Lahore in Pakistan ...“ Nicholas Daley spricht mit Meisterparfümeur Jacques Chabert über seine Sammlung erlesener Ringe: einer mit Ovula-Muschel, ein türkisfarbener Klunker, Gold- und Silberbänder. Kein wirres Mischmasch, sondern eine sorgfältige Kuration, die symbolisch für die Fülle an Einflüssen steht, aus denen er seine Inspiration für seine Herrenkollektionen zieht. Der Designer Nicholas Daley, Absolvent des Central Saint Martins College of Art and Design, hat die vergangenen zehn Jahre damit verbracht, seine Marke aufzubauen. In seinen Stücken fließen seine persönliche Geschichte und allgemeinere ethnische Themen ineinander, und sie sind eine Hommage an subkulturelle Bewegungen – oft mit Schottenkaro, noch öfter gehäkelt oder gestrickt. „Ich denke, dass sich meine Arbeit immer darum dreht, wer ich bin und wie ich meine schottische und meine jamaikanische Herkunft zum Ausdruck bringe“, erklärt er. „Das heißt, ich lasse mich von diesen Orten und meinen Vorfahren inspirieren, aber darüber hinaus von etwas, das ich für eher zeitlos halte. Einige Fabriken, mit denen ich zusammenarbeite, stellen seit über hundert Jahren handgefertigte Schuhe oder Stoffe her. Ich mag diese Vorgehensweise – etwas zu finden oder markante Archetypen zu verwenden und ihnen ein neues Aussehen und eine neue Energie zu geben.“

I feel like everything I do is very much about who I am and what I represent both on my Scottish and my Jamaican side. So pulling from those ancestral places and links, but then also something which I feel is somewhat timeless.

NICHOLAS DALEY

FASHION DESIGNER

Es ist dieser absolute Fokus auf seine Herkunft und seine Handwerkskunst, der es Daley ermöglicht, sich über den Modebereich hinaus in die Welt der Musik, Kunst, Kultur – ja sogar von Räucherkerzen und Räucherkegeln – hervorzuwagen. Er liebt die Zusammenarbeit mit Marken wie Fred Perry und Mulberry und mit Einrichtungen wie dem V&A Dundee-Museum und dem Southbank Centre – was ihn zum idealen Kandidaten für Artists of Note macht. Ideal geeignet, die belebenden holzigen Zitrusnoten von Schwarzer Pfeffer Nr. 2 zu interpretieren, einem Duft, der rein zufällig Noten verbindet, die direkt zu Daleys Herkunft führen. „Ich finde es enorm interessant, dass meine Arbeit oder meine Vision jetzt in einem viel größeren Rahmen als einer Runway-Show gesehen wird“, sagt er bei unserem Gespräch in seinem Studio in Tottenham im Norden Londons. „Ich denke, es ist wichtig, dass wir nicht in dieses Modevakuum gezwungen werden, das ziemlich herzlos sein kann.“

 

Daley spricht leidenschaftlich über ein Gefühl der Verbundenheit und eine gegenseitige Inspiration verschiedener Kreativer mit seinen Partnern, eine treffende Beschreibung von Artists of Note, sowie über seine Zusammenarbeit mit Meisterparfümeur Jacques Chabert, selbst ein kühner Innovator und langjähriger Partner von Molton Brown. Sowohl für die Crew als auch für die anderen Mitarbeitenden ist es ein echtes A-ha- Erlebnis, als sich die beiden treffen. Man spürt eine Wärme zwischen den beiden und das Gespräch ist von gegenseitigem Respekt für den Beruf des anderen und einer gemeinsame Liebe zum Handwerk geprägt. Es ist das Treffen zweier Gleichgesinnter, die Düfte durch die Linse von Herkunft, Familie und Leben betrachten, wie ihr Gespräch über Regelbrüche, Kindheitserinnerungen, Handwerkstradition, Schwarzer Pfeffer Nr. 2 und die Interpretation des Duftes durch Daley offenbart.

ND Final Work

IM GESPRÄCH MIT NICHOLAS DALEY UND JACQUES CHABERT

ÜBER DIE INTERPRETATION DES DUFTES

Nicholas: Wir haben eine kleine Kapsel mit handgehäkelten und -gestrickten Stücken zusammengestellt, die für [meine] Marke charakteristisch sind. Es ist eine Mischung aus Jutegarn, einem natürlichen Garn, und metallischen Garnen mit etwas Glitzer, die Elemente der Verpackung und des Flaschendesigns widerspiegeln. Es ging also offensichtlich nicht nur um den Geruch, sondern um alles, was zu diesem Projekt gehört.

Was mich besonders interessiert hat, ist der Pfeffer. Der Geruch nach Eichenholz, nach Moos, d. h. diese sehr tiefen natürlichen Noten. Ich habe Räucherkerzen und Räucherkegel entwickelt ... mit Noten von Zedernholz und Patschuli, Weihrauch und Moos und Kiefernnadeln. Ich fühle eine tiefe Verbundenheit mit diesen Noten, mit meiner Kindheit und meiner Abstammung. Ob mit Jamaika oder mit Schottland und den Landschaften und den Gerüchen, die dadurch Teil meiner Erfahrung sind. Und ich denke, das ist der Grund, warum Schwarzer Pfeffer Nr. 2 automatisch Gefühle bei mir ausgelöst hat.

ÜBER RE-CHARGE BLACK PEPPER

Nicholas: Ich denke, das Erste ist immer die Tiefe, ich nehme an, das ist Eiche oder Moos. Die Untertöne.

Jacques: Welchen Gesamteindruck haben Sie, wenn Sie den Duft riechen? Ist er frisch, tief?

Nicholas: Ich denke, es ist Tiefe – im Allgemeinen sind es tiefe Gerüche und Noten, die ich bevorzuge.

Jacques: Normalerweise sind Düfte frisch in der Kopfnote, aber man muss sie mit wärmeren Tönen in der Basisnote ausgleichen. Der erste Eindruck ist irgendwie frisch – man muss nur die charakteristische Note des Dufts erkennen.

Nicholas: Die Noten, die in meinem Leben so wichtig waren – Zedernholz, die Naturlandschaft Schottlands – ich glaube ganz sicher, dass diese teilweise der Grund waren, warum ich mich stärker mit Schwarzer Pfeffer Nr. 2 identifiziere. Holzige Gerüche, Moos, Eichenholz, Zedernholz, Kiefernnadeln sind Dinge, mit denen ich mich tief verbunden fühle.

Jacques: Am Anfang habe ich mich auf die Kopfnote konzentriert, die mir an einem Duft aufgefallen ist. Ein samtiges Grün, das ich herausbringen wollte. Es dauerte ein paar Jahre – ab und zu habe ich daran gearbeitet. Nachdem ich damit zufrieden war, habe ich einige holzige Anteile hinzugefügt. Und dann fehlte etwas Frische, also habe ich ein bisschen Ingweröl dazugegeben und dafür gesorgt, dass das Ganze ein harmonisches Gleichgewicht erhält. Ich hatte viel Zeit, da kein Briefing dahinter steckte. Nach und nach habe ich weitere Elemente hinzufügt, bis ich das Ergebnis gut gefunden habe.

ÜBER DAS BRECHEN VON REGELN

Nicholas: Ich denke, das Interessante für mich ist, dass Sie als Kunsthandwerker diesen Duft kreiert haben. Nicht anhand eines Briefings, sondern für sich selbst. Genauso entwerfe ich eine Jacke oder einen Hut. Sie tun es für das Handwerk oder aus Liebe zum kreativen Prozess. Es ist dasselbe Prinzip, das ich versuche, herauszukristallisieren, wenn ich meine Kollektionen, eine Show oder eine Veranstaltung zusammenstelle. Es hat etwas Narzisstisches an sich, aber man muss sich dabei wohl fühlen und selbstbewusst an die Sache herangehen.

Jacques: Normalerweise entwickle ich einen Duft aufgrund eines Briefings, aber das war bei diesem Duft nicht der Fall. Aber auch mit Briefing kann das Ergebnis sehr gut sein. Inspiration kennt keine Regeln.

Nicholas: Aber es ist auch gut, Regeln zu brechen.

Jacques: Regeln sind dazu da, ab und zu gebrochen zu werden! Schwarzer Pfeffer Nr. 2 entstand ohne Briefing. Es wurde nicht auf Antrag entwickelt, und das ist ein Regelbruch. Normalerweise reagieren wir auf Briefings und so läuft das. Jedes Mal, wenn man etwas Neues kreiert, ist es ein Regelbruch. Weil man Dinge kombiniert, die man vorher nicht kombiniert hat, oder auf eine Weise wie nie zuvor. Und um das zu tun, müssen Sie irgendeine Regel brechen.

ÜBER DIE HANDWERKSKUNST

Nicholas: Ich habe Beziehungen zu Herstellern in ganz Großbritannien – die Tartans werden in Schottland hergestellt, die handgefertigten Schuhe in Northampton – und mit einigen der Marken arbeite ich seit Jahren zusammen. Wir haben viele verschiedene Tartans und Textilien, irische Bettwäsche, entworfen. Und das braucht Zeit. Ich finde auch Ihre langjährige Beziehung zu Molton Brown sehr interessant. Man kann eine Dualität mit zwei Seiten schaffen, die gegenseitig Ideen austauschen und eine Bindung aufbauen können.

Jacques: Zu Beginn war ich für natürliche Rohstoffe verantwortlich. Deshalb bin ich auch heute noch stark am Einkauf beteiligt und kenne jede Charge, die wir auswählen und kaufen. Auf die gleiche Weise, wie Sie Ihre Stoffe auswählen, wähle ich Chargen aus, das ist meine handwerkliche Seite, die meine kreative Seite ergänzt.

Nicholas: Ich fange immer gerne mit dem Stoff an, fühle und berühre ihn. Bevor Sie ein Kleidungsstück entwerfen, müssen Sie die Zusammensetzung des Materials verstehen, was es enthält, wie es gewebt und wie es strukturiert ist. Es ist mit dem Riechen der Chargen vergleichbar. Das ist das Fundament, bevor man mit dem Aufbauen beginnt, und es ist interessant, dass Sie das immer noch tun.

ÜBER DIE ERINNERUNG AN DÜFTE

Nicholas: Gibt es einen bestimmten Duft oder eine Erinnerung, die Sie an einen Ort versetzt, an dem Sie einmal glücklich waren?

Jacques: Ich habe mehrere Erinnerungen. Ich wusste immer sofort, wenn meine Mutter Kosmetika oder Lippenstift auftragen hat, um Besorgungen zu machen. Ich erinnere mich auch daran, dass wir früher sonntags an den Strand gegangen sind. Der Geruch nach heißem Sand, Kiefern und Algen war irgendwie befreiend, weil ich wusste, dass es an diesem Tag keine Einschränkungen gab. Ich konnte ungehindert spielen.

Nicholas: Meine Erinnerungen an Gerüche sind ähnlich wie deine – an Kiefernnadeln, Zedernholz, diese naturalistischen Noten.

Jacques: Zedernholz riecht toll.

Nicholas: Zedernholz- und Kiefernnadeln sind Duftnoten, auf die ich immer wieder zurückzukommen scheine. Dasselbe gilt für Schottland. Meine Tanten und meine Familie wohnen in Fife. Das liegt am Fuße der Highlands, und es riecht nach natürlichem Holz und Moos und diesen wirklich tollen Noten. Ich denke, als kleines Kind und als Jugendlicher dahin zu gehen und auch erst kürzlich einfach nur dort spazieren zu gehen und Verbindung mit der Natur und den Gerüchen aufzunehmen, hat mich immer entspannt und hatte immer etwas Besinnliches.

Jacques: Und es hat Ihre Erinnerung beeinflusst, also wenn Sie daran denken, haben Sie noch den Geruch im Kopf.

Nicholas: Es gibt diese Dualität zwischen Gerüchen und verschiedenen Kulturen, mit denen ich durch meine Vorfahren verbunden bin. Gerüche von meiner westindisch-jamaikanischen Seite sind z. B. Piment, Cayennepfeffer, Rosmarin und Hibiskus. Der Geruch bei meinem Vater kommt vom Busch, direkt oben in den Hügeln. Er verbreitet sich durch die Mangroven und ist voller erstaunlicher Noten, Düfte und Blumen. Ich finde, dass diese beiden Naturlandschaften etwas ganz Besonderes haben – Schottland und Jamaika haben beide sehr schöne Naturlandschaften mit vielen erstaunlichen Gerüchen. Aber sehr unterschiedliche!

ÜBER TRADITIONEN UND FAMILIE

Nicholas: „Meine Mutter ist eine große Inspiration, eine tolle Mutter. Sie war eine echte Lehrerin und ein Einfluss für mich. Nicht nur wegen unserer Besuche in Schottland und weil wir all diese Beziehungen durch unsere Vorfahren haben und die Wertschätzung für einen Ort, der mir sehr am Herzen liegt. Auch wegen der Handwerkskunst und dem Stricken. Die Leiterin der Strickwaren, so hat meine Mutter sich selbst genannt.

Viele Frauen in der Familie meiner Mutter haben in den Jutefabriken [in Dundee] am Webstuhl gearbeitet. Es war eine echt harte Arbeit mit brutalen Arbeitszeiten. Die Rauheit des Garns. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort und ich habe Gedichte über die Jutefabriken in der Dundee Library gelesen.

Jacques: Ich bin zwar in Grasse geboren, aber meine Eltern arbeiteten nicht in der Parfümindustrie. Aber meine beiden Töchter sind dort beschäftigt. Und das Gute ist, dass meine älteste Tochter vor einem Publikum reden kann, was ich nicht kann. Und meine andere Tochter kann wunderbare Referate halten. Wir drei ergänzen uns ziemlich gut. Wir machen viel gemeinsam. Die meiste Zeit sind wir nicht einer Meinung, aber das ist gut so, weil sie nicht alles so machen wollen, wie ich ihnen sage. Das ist manchmal schwierig für mich! Für das Endprodukt ist es aber gut.

Nicholas: Bei meiner Mutter und meinem Vater ist es ähnlich. Sie waren leidenschaftliche Musikenthusiasten, und so leiteten sie von 1978 bis 1982 abends einen Reggae-Klub in Schottland. Damit wollten sie diesen Raum in Schottland zurückgewinnen. Die Traditionen bewahren. Wissen und Erfahrungen weiterreichen, sei es durch einen Duft oder eine Musikaufnahme. Selbst das Handwerk – meine Mutter ist eine begnadete Strickerin, und natürlich nehmen Schottland und Wolle und die Tradition des Strickens und Häkelns noch heute in meinen Kollektionen einen besonderen Platz ein. Ich finde es interessant, dass auf beiden Seiten, bei Ihren Töchtern und bei meiner Mutter und meinem Vater, diese Idee von der Handwerkstradition vorhanden ist. Ob in Form eines Dufts oder einer handgestrickten Mütze.

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