Dr. John Cooper Clarke
PARFÜMERIE UND POESIE

IM GESPRÄCH MIT

John Cooper Clarke

John Cooper Clarke spricht über den Zahnarzt. Er erzählt von seiner Kindheit. Seine Eltern wohnten über einer Apotheke und er erinnert sich noch an die Gerüche und den Duft einer bestimmten illegalen Droge, die früher als Betäubungsmittel verwendet wurde. „Es roch nach Zahnarzt. Damals verwendeten Zahnärzte noch Kokain [als Betäubungsmittel] statt Novocain. Deshalb riechen Apotheken für mich nach zuhause.“

There’s always something better to do than write a poem. There’s always something more beneficial, or useful. I think it’s the defining feature of all art, uselessness.

DR. JOHN COOPER CLARKE

POET

DR. JOHN COOPER CLARKE

Ich werfe dem Kamerateam einen fragenden Blick zu. Das können wir doch so nicht schreiben, oder? Doch – wie man sieht. Die Geschichte beweist die Fähigkeit des selbsternannten Punkpoeten, zu so ziemlich jedem von ihm gewählten Thema etwas Wichtiges sagen zu können. Dabei verbindet er das Unerhörte, Unverschämte und geradezu Komische mit seinen eher ernsthaften Gedanken über sein Handwerk und seine über 40-jährige Laufbahn – wenn man Poesie als Laufbahn bezeichnen kann. („Es gibt immer etwas Besseres zu tun, als Gedichte zu schreiben. Es gibt immer etwas Sinnvolleres oder Nützlicheres.“). Cooper Clarke wurde 1949 in Salford im Großraum Manchester geboren und ist eine jener Persönlichkeiten, von denen man mit Gewissheit sagen kann, dass sie alles erlebt hat. Die Zeit der Mods in den 1960er Jahren: „Damals war Acqua di Selva als Männerduft beliebt. Eine blaue Flasche, aus einer Art Glas. Das und Old Spice“, um's genau zu sagen. Aktiv in der Poesie-Szene von Manchester. Auftritte mit der Joy Division, den Sex Pistols und The Fall. Touren, Bücher, Comedy-Quizshows im Fernsehen. Und der Titel (I Wanna be Yours) der Arctic Monkeys, eine schwärmerische Indi-Version von Cooper Clarkes Gedicht aus dem Jahr 1982. Dieser entpuppt sich komischerweise als roter Faden, der unsere beiden Kollaborateure verbindet: Parfümeurin Carla Chabert – selbst so etwas wie ein Multitalent mit Interesse an Film und Fotografie – ist ein riesiger Fan der Arctic Monkeys, und zu einem ihrer Termine erscheint sie in einem T-Shirt von ihrer letzten Tour.

Aber damit nicht genug. Cooper Clarke und Chabert verbringen die Zeit zwischen ihren Gesprächen über Kunst mit Erinnerungen an Sommerurlaube, die Küste und die Kraft des Duftes, und sie sprechen über unbekannte französische Sänger und ihre Lieblingsalben. In diesen Momenten scheint es, als würden sie sich seit Jahren kennen – selbst wenn Carla gesteht, dass sie erst seit ein paar Tagen im Besitz eines Buches von Cooper Clarkes ist. „Es ist wunderschön, sehr poetisch“, sagt sie. „Ich kannte Sie damals nicht, aber ich konnte mir vorstellen, wie Sie diese Zeilen vortragen. Was mir an Ihren Gedichten so gefällt sind die Wortspiele, der Rhythmus, die Reime. Sie sind einfach schön.“ Es scheint nicht viel zu geben, was den Wortschmied zum Schweigen bringt, aber für eine Sekunde herrscht Stille.

Dr. John Cooper Clarke Final Work

IM GESPRÄCH MIT DR. JOHN COOPER CLARKE UND CARLA CHABERT

ÜBER MITTELMEERZYPRESSEN UND MEERFENCHEL

John Cooper Clarke: Mich erinnert der Duft an tropische Pflanzen im botanischen Garten eines Badeortes. Er riecht nach Küste. Was denken Sie, Carla?

Carla: Das Bild, das ich vor Augen hatte, war das Meer. das gegen eine Klippe an der Küste schlägt, eine rote Klippe. Auf der Klippe steht eine Zypresse. Die Farbe Blau diente mir als Inspiration für meinen Duft. Das heißt, ich habe kalte und würzige kalte Elemente verwendet und alles, was mich an die Farbe Blau erinnert.

John: Der Duft riecht auf alle Fälle, wie ich es nennen würde, nach dem großen Himmel. Und dann ist natürlich da die pflanzliche Note, auf die Sie angespielt haben. Das heißt mit dem botanischen Garten in einem Badeort lag ich gar nicht so verkehrt. Stimmt doch.

Carla: Ich bin nicht besonders begeistert von Meeresdüften – weil ich oft finde, dass sie zu hart sind – und ich habe versucht, das zu vermeiden. Ich dachte mir: „OK, ich werde die Farbe Blau als zentrales Element nehmen.“ Und das war meine Idee. Ich habe frische Gewürze, kalte Gewürze – was wir als kalte Gewürze bezeichnen – verwendet. Im Gegensatz zu Zimt. Gewürze wie Kardamom. Denen [bei Molton Brown] hat die erste Probe gefallen und sie haben mir gesagt: „Das könnte eine Seenote vertragen.“ Also habe ich eine Seenote hinzugefügt. Schritt für Schritt und Hand in Hand haben wir den Duft entwickelt.

John: Ja, er riecht nach Meer. Ich fühle mich an einen Strand versetzt, die Stimmung ist locker und entspannt, aber vor allem empfinde ich Ruhe. Dafür ist die Küste da. Und ich freue mich über diesen Daseinszustand, und alles, was mich im Entferntesten dahin bringt, empfinde ich automatisch als angenehm. Das ist ein toller Duft.

ÜBER DIE INTERPRETATION DES DUFTES

John: Ich hatte eine sehr schwierige Aufgabe. Ich habe ein Gedicht über genau dieses Parfüm geschrieben, aber natürlich hat man nicht von mir verlangt, es zu Papier zu bringen.

Carla: Ich bin sehr gespannt darauf, es zu hören.

John: Es ist erstaunlich, wie schwer es ist, die Welt der Düfte in Worte zu fassen. Ich wollte nicht einfach die Inhaltsstoffe aufzählen. Sie haben das schon sehr eloquent ohne meine Hilfe getan, aber ich dachte, ich müsste das Ganze von einer anderen Perspektive beleuchten. Dabei wollte ich jedoch sehr konkret sein. Wie gesagt, es war eine schwierige Aufgabe, aber jemand musste sie tun. Gott sei Dank war ich es!

Carla: Und sie ist auch ziemlich abstrakt.

John: Abstrakter geht's nicht. Imaginär.

ÜBER DIE ERINNERUNG AN DÜFTE

John: Gewisse Gerüche versetzen uns in eine andere Zeit oder an einen anderen Ort. Für mich in die Fahrradgeschäfte von früher und in das Innere eines Oldtimers. Der Geruch nach Leder und ein bisschen Benzin. Das finde ich aufregend, weil es bedeutet, ich war in einem Auto und bin irgendwo hingefahren. Hoffentlich an die Küste! Wir haben jedes Jahr unsere Ferien in einem Badeort auf der Britischen Insel verbracht, normalerweise im Nordwesten, in Blackpool. Manchmal auch in Nordwales. Einmal waren wir in Scarborough.

Carla: Und jetzt gehen Sie nach Saint-Nazaire?

John: Jetzt geht's nach Saint-Nazaire. Ich gehöre jetzt zum internationalen Jetset. Die Hälfte meiner Familie ist französisch, und ja, ich bin da in zwei Welten zuhause. Aber nein, ich habe tolle Erinnerungen ans Meer. Fantastische Erinnerungen. Tatsächlich waren Ferien keine Ferien, wenn wir nicht ans Meer gefahren sind, für mich jedenfalls.

Carla: Im Sommer bin ich gerne im Auto gefahren, als sie noch keine Klimaanlagen hatten. Die Fenster nach unten gerollt, die Haare irgendwie...

John: Das klingt nach Panhard, amerikanisches Styling der 1950er Jahre.

Carla: Und einfach nur zu sein, sich zu entspannen und gute Musik zu hören. Und der Geruch. Ich habe Erinnerungen an das Mittelmeer und es riecht nach Macchien, nach Strohblumen und Jasmin. Für mich ist es ein schöner Duft in dem Sinne, dass er nicht nur gut riecht, sondern an gute Zeiten erinnert, an den Sommer.

John: Nun, er versetzt uns buchstäblich an einen anderen Ort. In das Innere eines Benzinfahrzeugs. Sensationell. Niemand in meiner Familie besaß damals ein Auto, außer mein Onkel. Der Abstinenzler, so haben wir ihn genannt. Und wenn man in diesem Auto gesessen hat, ging's an einen schönen Ort.

ÜBER DIE BEDEUTUNG DES NICHTSTUNS

John: Für einen Mann in meinem Beruf ist das Nichtstunkönnen eine Voraussetzung.

Carla: Man muss seine Gedanken schweifen lassen können.

John: Genau das ist es. Aber wissen Sie, es sieht nur so aus, als würden wir nichts tun. Manchmal ist das harte Arbeit, oder? Nichtstun. Finden Sie nicht?

Carla: Heutzutage dreht sich alles um Schnelligkeit und Effizienz.

John: Man muss sich sehr bemühen, um sein Leben mit Nichtstun zu verbringen.

Carla: Genau, das finde ich auch. Es ist eine Kunst.

John: Das ist es. Und vor allem, wenn man sich von der öffentlichen Meinung beeinflussen lässt. Ich will auf keinen Fall als Drückeberger angesehen werden. Immerhin reise ich ja um die Welt und zitiere meine Werke, und ich finde, das könnte man als Arbeit bezeichnen.

Carla: Wenn alles ruhig ist, niemand da ist und der Tag sich seinem Ende zuneigt, das ist mehr oder weniger die Zeit, in der mir normalerweise die besten Ideen kommen.

John: Diese Zeit hat etwas Besinnliches.

Carla: Ich denke, es ist wichtig, Momente der Ruhe zu haben und allein zu sein, und einfach nur die Gedanken schweifen zu lassen. Dann kommen mir normalerweise die Ideen. Manchmal überlege ich mir nur einen Namen für einen Duft, an dem ich arbeite, und ich brauche diese Zeit, diesen Raum, um die Seele schweifen zu lassen.

ÜBER KREATIVITÄT UND TECHNIK

John: Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, Carla, aber meine Arbeit hat nichts mit der digitalen Welt zu tun. Für mich ist Technik eine reine Ablenkung, wie der Fernseher. Ich beschäftige mich nicht ernsthaft damit. Wie andere in meiner Position werde ich als einer der analogen Gemeinschaft täglich auf vielerlei Weise bestraft. Wie steht es mit Ihnen, Carla, Sie arbeiten doch sicher auch unabhängig von dieser Welt?

Carla: Nun, ich verlasse mich auf meine Nase, insofern geht es mir da genauso wir Ihnen. Aber ich nutze einen Computer für meine Arbeit. Aber hauptsächlich verlasse ich mich auf meine Nase. Und meinen Geist!

John: Genau. Die kann man nicht durch eine Maschine ersetzen. Aber ich schätze, Sie nutzen die Medien für die geschäftliche Seite?

Carla: Nein, ich gebe die Formeln in einen Computer ein. Das ist wie eine Rezeptur. Er berechnet den Preis und übernimmt alle technischen Aufgaben. Davon bin ich tatsächlich abhängig. Aber ich bin für das Denken zuständig, und meine Nase für den Geruch und die Feinabstimmung. Haben Sie eine bestimmte Technik oder so etwas?

John: Bei mir ist die richtige Technik das A und O. Darum geht es mir vor allem. Erst der Stil, dann der Inhalt – so sagt man das im Allgemeinen verachtend. Aber hier kommt das Handwerk ins Spiel. Ein schönes Versmaß. Jeder, der Gedichte schreibt, hängt ab einem bestimmten Punkt von einer gewissen Magie ab, die sich, wie ich denke, jeglicher Analyse entzieht. Es ist beinahe eine Art Aberglaube, die ich mit vielen Künstlern teile, die ich kenne.

Carla: Am besten gefällt es mir, wenn ich für die Entwicklung meiner Düfte einen Rahmen habe. Wenn ich ein Briefing erhalte, wird mit den ersten Elementen, auf die ich stoße – das kann eine Farbe oder eigentlich irgendetwas sein –, meine Fantasie angeregt, und das nehme ich als Ausgangspunkt. Ich weiß, dass Farben und alles eine sehr große Bedeutung für mich haben.

ÜBER POESIE, PARFÜMHERSTELLUNG UND NUTZLOSIGKEIT

John: Das Wichtigste an dem, was ich tue, ist, dass es gut klingt. Poesie sollte man eigentlich am besten hören. Leider bin ich mir aber sicher, dass die Welt voller Poeten ist, die viel besser sind als ich, die aber nicht so gut klingen wie ich. Es ist wirklich schade. Ich sage immer, warum heuern sie nicht einen der vielen arbeitslosen Schauspieler an? Stimmt doch. Aber ich hoffe natürlich, dass sie das nicht tun! Ich will der Beste bleiben.

Carla: Ich arbeite, aber es fühlt sich nicht wie Arbeit an. Mir macht es einfach Spaß. Nun, manchmal, nicht immer. Wenn es technisch wird und ich das Problem nicht lösen kann, stört es mich manchmal. Aber meistens macht es mir einfach nur Spaß. Ich habe Ideen und arbeite daran. Ich fühle mich sehr privilegiert, diese Art von Job zu haben.

John: Das ist tatsächlich ein Privileg. Aber in meinem Fall gibt es immer etwas Besseres zu tun, als ein Gedicht zu schreiben. Es gibt immer etwas Sinnvolleres oder Nützlicheres. Ich würde es sogar so ausdrücken: Ich denke Nutzlosigkeit ist das entscheidende Merkmal aller Kunst.

Carla: Genau. Dem stimme ich vollkommen zu. Aber das stimmt für alles Wesentliche – wer denkt schon daran, richtig zu atmen? Das Salz des Lebens ist im Grunde alles Nutzlose. Man erinnert sich nicht daran, dass man aufgewacht ist, dass man geduscht hat ...

John: Wen würde es interessieren, wenn keiner jemals mehr ein Gedicht schreiben würde? Wen würde es interessieren? Ich wette, Sie haben nicht alle Gedichte gelesen, die es gibt. Ich wette, Sie können mir nicht das Gesamtwerk von Alfred Lord Tennyson aufsagen. Es gibt vieles, was man tun könnte. Wen würde es interessieren, wenn keiner jemals mehr ein Gedicht schreiben würde? Die Welt würde sich trotzdem weiterdrehen.

Carla: Ja, aber Poesie macht sie interessant.

John: Poesie ist nutzlos. Das Sahnehäubchen auf der Torte. Poesie sollte sich mit den unvergänglichen Dingen des Lebens beschäftigen. Mit Dingen, die mehr als relevant sind. Es gibt zu vieles, was relevant ist. Sie ist nutzlos, Poesie.

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